Jahrzehntelang wurde die Welt nach dem Maß des Mannes gestaltet. Gesundheit und Sicherheit von Frauen kamen dabei erst an zweiter Stelle. Wenn die Hälfte der Weltbevölkerung als Sonderfall statt als Normalfall behandelt wird, ist das Ergebnis mehr als unbequem. Es kann lebensgefährlich sein.
Der gefährliche Standard des "Default Male"
Vom Auto, das wir fahren, bis zur Schutzausrüstung bei der Arbeit: Viele Produkte sind auf den durchschnittlichen männlichen Körper ausgelegt.
Crashtest-Dummies wurden jahrelang dem männlichen Körper nachgebildet. Die Folge: Frauen tragen bei einem Autounfall ein um 73 % höheres Verletzungsrisiko.
Ähnlich ist es bei persönlicher Schutzausrüstung und Schutzwesten, wie sie im Gesundheitswesen und bei der Polizei getragen werden. Sie sind oft nur verkleinerte Männerversionen, die Frauen nicht richtig passen und sie dadurch ungeschützt lassen.
Eine Lücke in der medizinischen Forschung
In der Medizin wurden Frauen historisch von klinischen Arzneimittelstudien ausgeschlossen. Manche Richtlinien empfahlen diesen Ausschluss noch 1977 ausdrücklich. Das Ergebnis ist ein gefährlicher Mangel an Daten.
Weil empfohlene Dosierungen häufig auf männlicher Biologie beruhen, tragen Frauen ein deutlich höheres Risiko für Nebenwirkungen.
Ein klares Beispiel ist das Schlafmittel Ambien. Es blieb im Körper von Frauen sehr viel länger wirksam als bei Männern. Das führte zu einer erhöhten Zahl von Verkehrsunfällen am Morgen danach bis die Dosierung schließlich angepasst wurde.
Schadstoffe in Hygieneprodukten
Der vielleicht am meisten vernachlässigte Bereich ist die Sicherheit von Produkten, die Frauen täglich benutzen.
Neuere Untersuchungen zeigen, dass gängige Damenhygieneprodukte wie Tampons und Binden eine verborgene Quelle für Phthalate und toxische Metalle sind.
Phthalate stehen im Verdacht, reproduktionstoxisch zu wirken. In bis zu 98 % der getesteten Binden wurden sie nachgewiesen. Eine aktuelle Pilotstudie fand zudem 16 verschiedene Metalle in unterschiedlichen Tampon-Marken, darunter Blei und Arsen.
Trotz dieser Risiken gab es historisch keine gesetzliche Pflicht, diese Produkte auf chemische Verunreinigungen zu prüfen.
Die Schmerzlücke
Die Ungleichbehandlung betrifft nicht nur Produkte, sondern auch die medizinische Versorgung selbst.
Studien zeigen: Schmerzen von Frauen werden von medizinischem Personal systematisch unterschätzt. Sie werden häufig als "emotional" abgetan statt als körperlich ernst genommen.
In Notaufnahmen warten Frauen mit Brustschmerzen 29 % länger auf einen Arzt als Männer mit denselben Symptomen.
Diese strukturelle Voreingenommenheit führt dazu, dass Frauen seltener eine Diagnose und seltener eine Behandlung erhalten. Für Schwarze Frauen ist die Lage noch einmal deutlich schwerer, weil Rassismus und Sexismus in der Medizin zusammenwirken.
Eine neue Ära der Frauengesundheit
Die Lage beginnt sich zu ändern. Immer mehr Forschende und Unternehmen richten ihren Blick auf die spezifischen biologischen Bedürfnisse von Frauen.
Die moderne Wissenschaft untersucht inzwischen auch Nahrungsergänzung und Produkte, die gezielt die weibliche Langlebigkeit und Zellgesundheit unterstützen sollen.
Ein Beispiel ist NMN (Nicotinamid-Mononukleotid). Es gewinnt im Wellness-Bereich an Aufmerksamkeit, weil es den NAD⁺-Spiegel unterstützen kann, ein Ansatz, der mit gesundem Altern und dem Energiestoffwechsel in Verbindung gebracht wird. Genau diese Forschungsfelder werden zunehmend auch aus der Perspektive der weiblichen Physiologie betrachtet.
Fazit
Die Lücke in der Frauengesundheit zu schließen ist kein "Frauenthema". Es ist eine wirtschaftliche und wissenschaftliche Notwendigkeit.
Wenn Forschung das biologische Geschlecht als eigene Variable berücksichtigt, führt das zu besseren Ergebnissen für alle.
Es ist Zeit, den "Default Male" hinter uns zu lassen und dafür zu sorgen, dass jedes Produkt sicher und wirksam ist für die 50 % der Bevölkerung, die so lange übersehen wurden. Von lebensrettenden Medikamenten bis zur täglichen Hygiene.