Über Jahrhunderte sind Wissenschaft und Technik davon ausgegangen, dass der männliche Körper der "universelle" menschliche Maßstab ist. Dieser Ansatz, männlich als Standard, hat eine Welt geschaffen, in der alles auf Männer ausgelegt ist: von lebensrettenden Medikamenten bis zu Alltagsprodukten. Und das oft direkt auf Kosten der Gesundheit, der Sicherheit und der Möglichkeiten von Frauen.
Es ist Zeit anzuerkennen: Frauen brauchen nicht nur einen Platz am Tisch. Sie verdienen eine Wissenschaft, die ihre eigene Biologie berücksichtigt.
Der tödliche Preis des "Default Male"
Werden Produkte allein auf Basis männlicher Daten entwickelt, sind die Folgen häufig gefährlich.
Ein klassisches Beispiel ist die Autoindustrie. Jahrzehntelang wurde die Fahrzeugsicherheit mit Crashtest-Dummies getestet, die einem etwa 1,80 Meter großen, kräftigen Männerkörper nachempfunden waren. Der zierliche oder schwangere weibliche Körper wurde dabei ignoriert. So wurden Autounfälle zu einer der häufigsten Ursachen für den Tod ungeborener Kinder, weil Sicherheitsgurte nicht dafür entworfen waren, Frauen sicher zu halten.
Diese Voreingenommenheit reicht bis in die Berufswelt und in den Sport. Frauen und Mädchen erleiden drei- bis sechsmal häufiger Kreuzbandverletzungen am Knie als Männer.
Die Forschung führt das unter anderem darauf zurück, dass sie in einer "Männerwelt" spielen müssen: mit Fußballschuhen, die für männliche Füße entwickelt wurden und eine andere Fußgewölbestütze sowie eine andere Stollenanordnung haben.
Ähnlich ist es bei persönlicher Schutzausrüstung im Gesundheitswesen und bei der Polizei. Sie ist oft nur eine verkleinerte Männerversion, die Frauen nicht ausreichend schützt.
Ein Medizinsystem, das Frauen missversteht
In der Medizin kann der männliche Standard zu tödlichen Fehldiagnosen führen.
Ein Herzinfarkt zeigt sich bei Frauen häufig anders als bei Männern. Weil Ärztinnen und Ärzte auf die "klassischen" männlichen Symptome geschult sind, werden Frauen ohne diese typischen Anzeichen oft unbehandelt aus der Notaufnahme nach Hause geschickt.
Hinzu kommt: Klinische Arzneimittelstudien haben Frauen historisch ausgeschlossen. Die Begründung lautete, weibliche Hormone würden die Untersuchung "verkomplizieren" - also blieb man bei männlichen Probanden.
Das heißt, Dosierungen und Nebenwirkungsprofile sind häufig auf Männer abgestimmt. Frauen tragen dadurch ein deutlich höheres Risiko für unerwünschte Reaktionen.
Wenn Wissenschaft das biologische Geschlecht als Variable ignoriert, ist sie nicht "objektiv". Sie ist unvollständig.
Der Mythos der Genialität und die Schere in der Grafik
Das Problem beginnt lange, bevor Frauen ein Labor oder eine Arztpraxis betreten. Es beginnt mit gesellschaftlichen Stereotypen, die Genialität als männliche Eigenschaft markieren.
Studien zeigen: Schon mit sieben Jahren halten Mädchen es häufiger für wahrscheinlich als Jungen, dass Männer "klüger" sind.
Das Marketing verstärkt diese Prägung. Jungenspielzeug lädt zum Bauen und Kämpfen ein, während sich Produkte für Mädchen um Schönheit und Magie drehen.
Diese Kultur trägt zu einem Muster bei, das in der Wissenschaft als Scherengrafik bekannt ist: Im Bachelorstudium sind Frauen oft in der Mehrheit. Doch je weiter es Richtung Führungspositionen und Professuren geht, desto stärker bricht ihr Anteil ein.
Frauen in der Wissenschaft begegnen zudem dem Mythos des einsamen Genies. Er wertet genau die kollaborative Teamarbeit ab, in der viele von ihnen stark sind. Und sie erhalten häufig Empfehlungsschreiben mit geschlechtsspezifischer Sprache, die sie als "fleißig" oder "nett" beschreiben statt als "brillant" oder "weltweit führend".
Ein neues Feld: Produkte für die Gesundheit von Frauen
Langsam beginnt sich das Blatt zu wenden. Eine neue Welle von FemTech und Longevity-Forschung stellt die weibliche Physiologie in den Mittelpunkt.
Endlich entstehen Produkte, die gezielt für den weiblichen Alterungsprozess und die Zellgesundheit entwickelt werden.
Ein Beispiel ist NMN (Nicotinamid-Mononukleotid). Es wird derzeit auf seine Rolle bei der Anhebung des NAD⁺-Spiegels untersucht, die den Stoffwechsel und die Energieversorgung unterstützen kann - Bereiche, die für Frauen in hormonellen Umbruchphasen und im Alter besonders relevant sind.
Indem sie sich an den biologischen Besonderheiten von Frauen orientieren, schließen diese neuen Produkte eine Lücke, die die klassische Wissenschaft hinterlassen hat.
Fazit
Echter wissenschaftlicher Fortschritt braucht unterschiedliche Perspektiven. Wer für den "Default Male" entwickelt, verliert genau die Innovationen, die entstehen, wenn das gesamte Potenzial einbezogen wird.
Die Geschlechterlücke in der Wissenschaft zu schließen ist kein Akt der Wohltätigkeit. Es ist die Voraussetzung für eine sicherere, genauere und wirksamere Welt.
Frauen verdienen ihre eigene Wissenschaft. Denn ohne sie versagt die Wissenschaft vor der Hälfte der Bevölkerung.